Sonnige Tage in Port Stephens

Nach einer Woche verabschiede ich mich schweren Herzens von Sydney und reise weiter. Wohin? Schwierige Entscheidung, denn Australien ist so groß. Ich hatte mich im Vorfeld nicht wirklich mit Australien beschäftigt und die Reisebibel Lonelyplanet erst kurz vor meiner Abreise aus Neuseeland erstanden. Die letzten Tage habe ich ein wenig ratlos durch das dicke Buch geblättert und versucht herauszufinden was mich an Australien interessieren könnte. Ich entscheide mich schließlich für die allgemein beliebte Tour Sydney nach Cairns; immer die Ostküste entlang Richtung Norden. Ich habe einen Buspass für den Greyhound erstanden und teste heute meine erste Busfahrt. Und bin total enttäuscht. Alter, enger Bus, schlecht gelaunter Busfahrer; ich sitze zwischen Horden von gerade mal 20jährigen und komme mir vor wie in einem absurden Film. Ach wie schön waren die Busfahrten doch in Südamerika! Was für einen Luxus hatte ich dort!

Nun, die heutigen wenigen Stunden im Bus nach Newcastle bringen mich nicht wirklich um. Gespannt steige ich in Newcastle aus. Kein guter Anfang, denn die Stadt ist wie ausgestorben; irgendwie tot. Ich bin fast alleine auf der Straße – mitten an einem Wochentag. Sehr seltsam. Und alles wenig einladend. Die Jugendherberge ist nett. Die Strandesplanade ist ebenfalls ganz hübsch. Aber ansonsten bin ich froh, daß ich hier morgen früh wieder verschwinde. Schreckliche Stadt!

Am nächsten Tag nehme ich den Bus nach Port Stephens. Erst als ich mich in der Jugendherberge in Newcastle nach meiner neuen Unterkunft erkundige, lerne ich, daß Port Stephens kein Ort, sondern eine Gegend ist. Ok. Meine Unterkunft liegt wohl mitten im Wald weit entfernt von jeglicher Ortschaft. Hmmm, hört sich ja nicht so gut an. Der Busfahrer schmeißt mich dann auch mitten im Nirgendwo raus. Zumindest kommt es mir so vor. Auch hier habe ich mich in der Jugendherberge einquartiert. Ich werde 3 Nächte bleiben. Kleine Hütten stehen mitten im Wald; es gibt einen kleinem Pool. Trotz der Abgeschiedenheit gefällt mir die Unterkunft auf Anhieb. Ich erfahre, daß es ein gutes Bussystem oder auch Fahrräder gibt, die mich überall hinbringen werden. Das hört sich gut an!

Ich treffe nette Leute. Und auch andere Besucher. So wohnt in unserer Hütte über unseren Köpfen ein Opossumpaar, das in den Morgenstunden häufig einen ziemlichen Radau macht. (Aber gegen das Schnarchen eines Mitbewohners nicht wirklich ankommt.) Eines Abends sitze ich auf der kleinen Veranda als die beiden Opossums den Kopf aus ihrem Nest strecken und auf den Dachbalken durch die Gegend tollen. Sind das possierliche Tiere! Und anders als in Neuseeland (dort gilt: „nur ein totes Opossum ist ein gutes Opossum“), haben die Opossums hier ein gutes Leben.

Doch wir haben nicht nur Opossumbesucher, sondern es lohnt auch ab und zu ein Blick hoch in die Bäume. Eines Nachmittags sitzt ein Koala direkt über unserer Hütte im Baum. Mein erster Koala – Life und in Farbe! Ich bin begeistert. Auch wenn das Zuschauen auf Dauer etwas einschläfernd ist, denn diese kleinen grauen plüschigen Genossen schlafen bis zu 20 Stunden am Tag. Keine Bewegung solange ich ihn beobachte. Trotzdem ist der Koala am nächsten Morgen im Wald verschwunden.

Mit dem Bus fahre ich in die kleinen Ortschaften und Strandbuchten, die zu Port Stephens gehören. Ich verbringe einen Tag in Nelson Bay. Bummele durch den kleinen Ort, liege am Strand und fahre zwei Stunden mit dem Boot aufs Wasser hinaus und beobachte Delfine. Leider weht ein ziemlicher Wind und so ist das Wasser sehr aufgewühlt. Es ist schwierig die Delfine zu sehen. Außerdem habeich das Gefühl, daß diese den vielen Ausflugsbooten aus dem Weg gehen. Während die Delfine in Neuseeland immer zum Boot geschwommen kamen und in den Bugwellen surften, muß der Kapitän hier seine ganze Kunst aufbieten, den Delfinen zu folgen, so daß wir einen Blick erhaschen können. Es lebt eine große Delfinpopulation hier von rund 140 Delfinen, die aber meistens in Gruppen von nur 4 bis 6 Delfinen unterwegs sind. Wir sehen sogar eine Delfinmama mit ihrem Nachwuchs. Und spät am Nachmittag, als die Sonne hinter den Wolken verschwindet, das Wasser inzwischen spiegelglatt ist und ich gerade vom Strand aufbrechen will, stattet mir die Delfinmama mit ihrem Jungen direkt am Strand noch einen Besuch ab. Ich bin so fasziniert wie die beiden unweit der Küste gemächlich ihre Bahn ziehen, daß ich doch glatt vergesse Fotos zu machen.

Am nächsten Tag brechen wir zu viert mit dem Auto auf. Wir wollen nach Fingal Bay und dort auf eine vorgelagerte Insel wandern. Bei Ebbe kann diese Insel über den dann freiliegenden Sandstrand „the spit“erreicht werden. Wir wandern am Strand entlang zu „the spit“, haben allerdings keinen guten Tag erwischt. Es ist Tiefststanddes Wassers bei Ebbe und trotzdem schlagen die Wellen von beiden Seiten auf Fingal Spit. Heute ist keine Überquerung zur Insel möglich; die Unterströmungen sind zu heftig, so daß einen selbst knietiefes Wasser ins Meer ziehen kann. Wir schauen uns das Wellenschauspiel eine Weile an und disponieren dann um. Von Shoal Bay aus erklimmen wir den Aussichtspunkt Tomaree Head, der uns einen herrlichen Blick auf den Nationalpark Tomaree und die vielen kleinen Sandbuchten von Port Stephens gibt. Toll!

Als Abendessen hole ich mir eine Portion Fish and Chips am Imbis von Anna Bay. Schließlich sind wir am Meer, also ist Fischessen angesagt.

Den dritten Tag erkunde ich Anna Bay und mache einen kleinen Ausflug mit einem Allradjeep in die Stockton Beach Sanddünen. 32 Kilometer Sand, Sand, Sand. Wanderdünen, die langsam aber sicher den im Hinterland stehenden Wald unter sich begraben. Wir fahren am Strand entlang und von dort mit unserem Allradjeep auf die Sanddünen hinauf. Ein toller Blick und was für ein toller, feiner, heller Sand! Von hier aus geht es in guter Allradmanier steil die Sanddünen hinab. Bevor die Sanddüne unter uns verschwindet schweift der Blick in die Ferne – nur blauer Himmel zu sehen – und dann kippt der Jeep förmlich in die Tiefe und es ist nur noch Sand zu sehen. Aber bevor mein Herz völlig in die Hose gerutscht ist, sind wir auch schon am Fuß der Sanddüne angelangt und bahnen uns den Weg zurück zum Strand.

Wir fahren weiter nach Tin City, wo in 11 Blechhütten die letzten offiziellen Sqatter von Australien leben. Mitten im Sand zwischen den Sanddünen, kilometerweit von jedem Ort entfernt stehen diese während der Rezession in den 1930er Jahren erbauten Hütten aus Blech, die heute fast nur noch als Urlaubsdomizil benutzt werden. Es leben noch zwei hartgesottene permanente Bewohner hier. Kein leichtes Leben, den ständig wandernden Sand davon abzuhalten die Hütten unter sich zu begraben. Denn ist eine Hütte erst mal fort, darf keine neue mehr gebaut werden. Tin City wurde im übrigen als Kulisse für einige Filmszenen von Mad Max benutzt.

Noch habe ich von dem ganzen Sand nicht genug und so verbringe ich den Nachmittag gemütlich am Strand. Heute Abend ist dann wieder Sachen packen angesagt, mein Bus fährt morgens um 7 Uhr. Ich will weiter in einen kleinen Ort namens Bellingen.

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