Queen Charlotte Track

Der Queen Charlotte Track liegt in den Malborough Sounds von Neuseeland, einem Netz von Meeresarmen und Buchten mit kleinen Stränden, Landzungen und zerklüfteten Höhenzüge. Wahrhaftig ein Gewirr aus Buchten und Landzungen.  Einer der Meeresarme des Malborough Sounds, der Pelorus Sound, ist eigentlich nur 42 Kilometer lang, hat aber eine Küstenlinie von sage und schreibe 379  Kilometern. Ich fühle mich bei dem Anblick dieser Landschaft stark an die  Fjorde Norwegens erinnert. Nur sind die Malborough Sounds nicht wie die Fjorde  Norwegens durch Gletschertätigkeit entstanden. Sondern der sagenumwobene polynesische Entdecker Neuseelands, Kupe, soll gegen einen riesigen Oktopus gekämpft haben und während dem Kampf seine Hand in Richtung Südinsel ausgestreckt haben um Unterstützung zu erhalten.  Dabei  hinterließen seine Finger tiefe Furchen in der Erde, die sich mit Wasser füllten und heute die Meeresarme bilden. Das kann ich mir so richtig vorstellen…

Entlang von einem dieser Meeresarme der Malborough Sounds, dem Queen Charlotte Sound, führt ein mehrtägiger Wanderweg, den ich in 4 Tagen gehen wollte. Nun, mein ungeplanter Arztbesuch hat meinen Plan ein wenig verändert; ich werde den Queen Charlotte Track in 3 Tagen laufen, dabei die ersten 4 Kilometer und die erste geplante Übernachtung auslassen. Und so starte ich am Freitag morgen um 9:00 Uhr von Picton aus mit dem Endeavour Express Boot zwar Richtung Ship Cove, dem Startpunkt des Tracks, bleibe aber bis zur nächsten Station Resolution Bay an Bord. Eine wunderschöne Fahrt von etwas mehr als einer Stunde. Allerdings ist es recht frisch, denn das Wetter ist nicht optimal. Es ist stark bewölkt. Regen lauert im Hintergrund. Doch wir haben einen unterhaltsamen Kapitän, der die Laune ankurbelt. Er hat nur eine kleine Gruppe zu unterhalten, denn wir sind nur 5 Leute an Bord.

Das erste Highlight schwimmt uns in Form von zwei kleinen blauen Pinguinen nach 30 Minuten Bootsfahrt über den Weg. Pinguine! Hier? Ich bin völlig verblüfft. Und kaum habe ich mich von meiner Überraschung erholt, kreuzen vier Delphine unseren Weg. Sie nutzen wohl gerne die geschützten Sounds um dort ihren Nachwuchs zu bekommen.

In Ship Cove steht ein häßliches Monument zu Ehren von James Cook, der hier 1770 mit seinem Schiff in der Bucht vor Anker ging, auf dem kleinen Nachbarinselchen seine Fahne hißte und dem Queen Charlotte Sound seinen Namen gab. 10 Minuten später halten wir an dem kleinen Landungssteg von Resolution Bay und der Kapitän erklärt mir noch den Weg bis zum Queen Charlotte Track und dann laufe ich los. 67 Kilometer habe ich vor mir; davon 23 Kilometer am ersten Tag. Der Weg führt mich zwischen dem Queen Charlotte Sound und dem Kenepuru Sound hindurch und ich hoffe auf schöne Ausblicke. Diese Hoffnung erfüllt sich an meinem ersten Wandertag nicht so ganz.

Der Weg geht überwiegend durch dichte Vegetation, selten ein Ausblick auf die tolle Meereslandschaft. Nach 2 Stunden fängt es an zu regnen und das bleibt auch erst mal eine Weile so. Jetzt freue ich mich über den Wald, denn dadurch hält sich der zu mir durchdringende Regen in Grenzen. So kann ich mit Regenschirm laufen und muss mich nicht in meine warme Regenkleidung pellen. Bald habe ich auch schon meinen ersten Laufabschnitt hinter mit und erreiche die Bucht Endeavor Inlet. Hier ist ein schöner Ausblick auf das Wasser und die Bucht und ich sehe – nicht nur mit Freude – den Weg, den ich noch vor mir habe: Ungefähr 12 Kilometer müssen meine Füße noch laufen. Die ganze langgezogene Bucht muß ich entlang bis ich auf der gegenüberliegenden Landzunge ankomme; und dann noch ein bißchen weiter. Puh. Befehl Kopf an Füße: Laufen! Hatte ich zuvor noch einige Steigungen zu erklimmen, führt der Weg jetzt mehr oder weniger eben entlang der Bucht. Als ich die Bucht fast umrundet habe, hört es auf zu regnen. Mein Bauch meldet sich, denn Mittagszeit ist auch schon vorbei. Ich finde einen flachen Sitzstein mit Ausblick, der sich gut für ein kleines Päuschen eignet.

Kurz vor 17 Uhr erreiche ich in der nächsten Bucht namens Punga Cove das Punga Cove Resort. Ein Resort – hört sich spektakulär an, hat auch Spa (hot tub) und Pool (ein bißchen kalt heute mit 16 Grad), aber das Resort ist eher von der rustikalen Sorte. Schon ein bißchen abgenutzt. Und außerdem habe ich mich nicht in eines der Chalets sondern in das sogenannte Fantail Hostel eingemietet für eine Nacht. Also kein Resort-Standard, sondern Backpacker-Unterkunft. Da aber wenig los ist auf dem Track schlafe ich alleine in meinem Zimmer. Ein unverhoffter Luxus. Ein weiterer Luxus, den ich noch gar nicht erwähnt habe: Die Wassertaxis hier in den Sounds übernehmen den Gepäcktransport während der mehrtägigen Wandertour. Mein Rucksack mit Schlafsack, Kleidung und Essen erwartet also mich bereits. Nach einer heißen Dusche koche ich mir in der Küche, die den Backpackern zur Verfügung steht, mein Menü: Suppe als Vorspeise und Spaghetti mit Zucchini-Tomatensoße als Hauptgericht. Nachtisch? Gibt es nicht. Ich unterhalte mich mit einem Mountainbiker, der mich heute auf dem Track überholt hat. Ich erkenne ihn kaum wieder, so sauber sieht er jetzt aus.

Die frische Luft hat mich dann doch erledigt. Ich falle früh ins Bett und bin am nächsten Morgen auch einigermaßen früh wieder auf und unterwegs. 9 Stunden Gehzeit werden offiziell für diesen Tag angegeben. Ich bin jedoch erleichtert von allen Seiten zu hören, daß diese Gehzeiten überaus großzügig bemessen sind. Das hatte ich gestern auch schon bemerkt: Statt 7 Stunden wie angegeben, bin ich nur 5,5 Stunden gegangen. Aber trotzdem erwarten mich fast 24 Kilometer und vermutlich 600 Höhenmeter. Gleich nach einer Stunde mache ich einen kleinen Abstecher auf einen Aussichtshügel. Sind es nicht auch so schon genug Kilometer? Aber es ist einfach zu verlockend, wenn mir eine tolle Aussicht versprochen wird. Leider hängen die Wolken noch zwischen den Höhenzügen. Trotzdem ein schöner Blick. Und ich lerne: Berlin ist 18.100 Kilometer weit von hier entfernt.

Ich laufe weiter. Inzwischen treffe ich die gleichen Wanderer von gestern wieder. Und nach ein paar weiteren Kilometern haben wir uns das schöne Wetter wohl erlaufen: Die Sonne scheint inzwischen, blauer Himmel mit dahinfliegenden Wolken. Und es kommen mehr und mehr schöne Aussichten entlang des Weges. So wie ich es mir erhofft hatte. Ein toller Tag. Um 17 Uhr komme ich am Torea Saddle an, meinem heutigen Zielpunkt auf dem Track. Leider muß ich aber noch der Teerstraße folgend bergab nach Portage. Das finden meine Füße nach den vielen Kilometern heute nicht so nett. Ich lenke mich damit ab, daß ich mir vorstelle, wie früher über diese kleine Hügelkette von einer Küste an die andere Boote getragen wurden. Die kleine Siedlung Portage, die hier an der Südküste des Kenepuru Sounds liegt, hat nämlich ihren Namen erhalten, weil hier zwischen den nur etwa 800m entfernten Küsten Boote über die etwa 1,5 km lange Torea Road von einem in den anderen Sound getragen wurden.

Unverhofft taucht dann ganz plötzlich hinter einer Kurve meine Übernachtung auf – das Portage Resort Hotel. Ein tolles Hotel in toller Lage. Aber auch hier checke ich in die Backpackerunterkunft, die Walkers Lodge, ein. In mein Zimmer passen gerade die beiden Betten, die dort drinnen stehen; es gibt ein mini Fenster. Aber wohlriechende weiße Bettwäsche, ein flauschiges Handtuch und 30 Minuten in der Hot Tub sind inklusive. Heute verbringe ich den Abend mit 3 Franzosen, die ich mehrfach in den beiden letzten Tagen auf dem Weg getroffen habe. Die 30 Minuten in der Hot Tub haben mich so entspannt, daß ich abends um 22 Uhr bereits tief und fest schlafe.

Am dritten Tag steht dann die letzte Tagesetappe an. Auch heute wieder gute 20 Kilometer, für die offiziell 8 Stunden angegeben sind. Geplant von mir eher 6 Stunden, denn ich will ja nachmittags um 16:30 Uhr meinenn Transfer zurück nach Picton erreichen. Ich starte deshalb schon um 8 Uhr. Bin ganz alleine unterwegs. Meine Franzosen haben sich für den letzten Abschnitt Mountainbikes bestellt. Erst einmal geht es bergauf, bergauf. Aber die Sonne begleitet mich heute von Anfang an. Toll! Denn der Wetterbericht hatte eigentlich Regen angesagt. Heute sind die Aussichten noch besser als am Tag zuvor. Und kaum hatte ich einen 180 Grad Blick auf die beiden Sounds Queen Charlotte und Kenepuru, stehe ich vor der Frage, ob ich einen weiteren Abstecher auf einen Aussichtshügel mit einer 360 Grad Rundumsicht machen will? Wollen? Klar. Ein kurzer Blick auf die Karte und auf meine Uhr. Ich bin sehr gut unterwegs gewesen bisher und habe die erste Hälfte meines heutigen Weges fast schon geschafft und nur die Hälfte der vorgegebenen Zeit verbraucht. Also rauf auf den Aussichtshügel. Nach 20 Minuten erwartet mich eine tolle Aussicht und eine Bank. Also mache ich eine frühe erste Mittagspause.

Ich bleibe alleine auf meinem Aussichtsberg. Wie können alle an diesem herrlichen Aussichtspunkt bei diesem fantastischen Wetter nur vorbeilaufen? Als ich mich wieder auf den Weg mache, hole ich nach und nach alle Wanderer der vorherigen Tage ein, die mich inzwischen passiert haben. Immer wieder herrliche Abschnitte entlang des Weges, die zu einem Päuschen einladen. Aber erstmal laufe ich wieder ein bißchen. 40 Minuten vor Anakiwa, meinem Zielort, kommt eine letzte Bucht mit einer der offiziellen Notunterkünften und Campingplatz. Ein idyllischer Ort. Eine Bucht mit Gras und Sand, türkisblauem Wasser. Hier lege ich mich ins Gras, esse meine letzten Brote und genieße die Landschaft. Und siehe da, es trudeln die Mountainbiker ein. Ich hatte gedacht, daß sie mich schon längst überholt hatten, während ich auf dem Aussichtsberg war. Und dann nehme ich die letzten Kilometer in Angriff nach Anakiwa, meinem Zielort.

In Anakiwa angekommen habe ich noch fast eine Stunde Zeit bis mein Rücktransfer eintrifft. Leider nicht per Boot, sondern per Auto, da zu wenig Wanderer unterwegs sind. Ich gönne mir ein Eis und warte in der Sonne, bevor ich aufgesammelt werde und es über eine äußerst kurvenreiche Straße zurück nach Picton geht. Ein Vorteil des Autotransfers: Ich werde direkt bei meiner Lodge in Picton abgesetzt, checke ein und stehe bald darauf unter einer heißen Dusche.

Abends dann wieder Sachen packen, denn morgen früh fährt mein Bus nach Christchurch. Ich fahre mit gemischten Gefühlen, denn meine Erkundigungen für die nächsten von mir geplanten Tracks waren nicht sehr positiv. Schlechtes Wetter, Lawinengefahr, Ungewißheit ob die Tracks freigegeben sind. Nun, ich habe mich entschieden trotzdem zu fahren. Zum einen ist alles schon organisiert und zum anderen habe ich keine anderen Pläne parat. Und nach 3 schönen Tagen bin ich positiv gestimmt.

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